Mosaiksteinchen

 

 

Heute an meinem 82.Geburtstag möchte ich zurückschauen auf meinem Lebensbild und jene Mosaiksteinchen noch einmal betrachten, die mir besonders beeindruckt haben.
Es soll eine Collage von Erlebnissen, Erkenntnissen und Ereignissen werden, die mir persönlich besonders im Gedächtnis geblieben sind.
Es hat nichts mit biografischen Notizen zu tun. Mein Leben habe ich in vielen Städten und Dörfer verbracht. Ich habe einige davon ausgewählt. Orte in denen für mich eine bleibende Episode, ein bleibendes Erinnerungsstück haften geblieben ist.

 

1937 Den Haag

Meine ersten Erinnerungen gehen zurück bis ungefähr zu meinem vierten Geburtstag. Ich erlebte in Den Haag eine aussergewöhnlich schöne Jungendzeit. Meine Mutter war eine geborene Geschäftsfrau. Sie betrieb ein Geschäft für Damenhüte. Eine Frau, die damals eine eigene Firma betrieb, war die Ausnahme. Sie hatte fünf Näherinnen angestellt, die im Atelier Kreationen als Kopfputz für Frauen schufen. Eine Haushälterin besorgte den Alltag. Im gleichen Haus wohnten noch zwei ledige Tanten. In dieser Weiberwirtschaft wusch ich auf. Immer fand ich eine der Damen, die besonders guter Laune war und sich mit mir abgab. Alle hatten mich gerne. Ich war der Hahn im Korb.

 

1943 St. Andreasberg im Harzgebirge in Deutschland

Auf unsere Flucht von Holland in die Schweiz landeten wir bei der Schwester meines Vaters, bei Tante Emma in St. Andreasberg. Wir mussten dort Quartier beziehen, weil mein Vater in Berlin, beim Schweizerkonsulat, das Visum für die Ausreisebewilligung aus Deutschland erwirken musste. Das war im September 1943. Die Alliierten bombardierten täglich die Hauptstadt. Das Schweizerkonsulat bestand nur noch aus einem fahrbaren Tresor. Unverrichteter Dinge kam Papa zurück. Allerdings hatte er für uns allen einen Schlafwagen von Kassel nach Bregenz gebucht.

Am 3. Oktober 1943 standen wir pünktlich im Hauptbahnhof Kassel. Luftalarm. Alle Züge verliessen sofort, ausserhalb des Fahrplans, den Bahnhof. Wir sahen gerade noch die Schlusslichter unseres Schlafwagens. Die Nacht verbrachten wir im Luftschutzkeller. Dauerbombardement. Als wir am nächsten Morgen aus dem Keller kamen, war der Bahnhof völlig zerstört. In einer Nacht in Schutt und Asche gelegt. Wir aber lebten noch. Weiter ging es nach Bregenz. In St. Margreten sind wir schwarz über die Grenze in die Schweiz geflohen. Der Empfang im Bahnhofbuffet St. Margreten war überwältigend. Ein paar Telefongespräche mit Bern. Alles war geregelt. Die Schweiz half ihren Auslandschweizern unkompliziert und effizient. Im Niederdorf, in Zürich, schliefen wir die erste Nacht im Hotel Hirschen. Die erste Nacht in der Heimat. Tags darauf brachte uns der Rote Pfeil über Bern, Brig nach Leuk. Endlich waren wir in unsere Burgergemeinde angekommen, das Ziel unserer fluchtartigen Reise.

 

1944 Leuk-Stadt

Damals beherrschte ich zwei Sprachen, Holländisch und Französisch. Zwei Monate später Wallissertiitsch und ordentlich Hochdeutsch. Zwei Wochen nach der Ankunft gingen wir, mein Bruder und ich, zur Schule. Die Unterschule bestand aus drei Klassen in einem Schulzimmer. Ich wurde der vierten Klasse zugeteilt. Der Mehrklassenunterricht war für den Lehrer ein harter Job. Für mich das reinste Vergnügen. Deutsch lernte ich mit der dritten Klasse. Im Rechnen war ich besser als die meisten der fünften Klasse. Diese Unterrichtsform in Leuk war für mich neu. Ein echtes Erlebnis und sehr effizient. Nach einem halben Jahr gehörte ich dazu. Ich konnte mich mit jedermann verständigen. Jetzt war ich ein echter Walliser, ein echter Leuker.

Im Frühjahr 1945 kapitulierten die Deutschen. Der Krieg war vorbei. Papa pachtete ein Hotel in Fribourg.

 

1946 Fribourg im Üechtland

Fribourg gilt als zweisprachige Stadt, Deutsch und Französisch. Letztere Sprache hat das absolute Übergewicht. Immerhin gab es eine deutschsprachige Volksschule. Dort besuchte ich die fünfte Klasse bei Herrn Lehrer Kümin. Ein Magister von altem Schrott und Korn. Immer korrekt gekleidet mit Hut, Mantel, dunkler Anzug und Krawatte. Er war ein deutschfreundlicher Herr. Im Schulzimmer wurde nur Hochsprache gesprochen. Kein Dialekt und schon gar kein Französisch. Sein wichtigstes Erziehungsinstrument war der Bambusstock. Davon machte er redlich Gebrauch.
Auf dem Pausenplatz wurde nur Französisch gesprochen. Die deutschsprachige Schule war eine Minderheit im Schulhaus. Sie belegte gerade zwei Schulzimmer. Der Turn- und der Zeichenunterricht wurde von anderen Lehrern erteilt. In französischer Sprache versteht sich. Das war für niemanden ein Problem. Nicht für die Lehrer, nicht für uns Schülern und schon gar nicht für unsere Eltern. In der Schweiz waren mehrere Sprachen im Umlauf. Jeder sprach in seiner Muttersprache. Jeder verstand den andern.
Es herrschte ein lockerer Umgang mit der Kommunikation und den Sprachen.

Gerne erinnere ich mich an die Studentenverbindung aus dem Tessin. Die Lepontia hatte besonders schöne Mützen. Nachts um halb zwei marschierten sie in Einerkolonne, vom Stamm kommend, lauthals Studentenlieder singend, die Rue de Lausanne hinan. Mitten in der Nacht. Kein Mensch störte sich am Nachtlärm. Das sind unsere Studenten. Fribourg die Studentenstadt.

 

1949 Luzern

Wieder eine schöne Zeit. Ich besuche das Gymnasium. Ich entdeckte das andere Geschlecht und ich war Scharführer der Jungwachtschar Sta. Maria. Das war meine Hauptbeschäftigung. Am Samstagnachmittag Anlässe mit jungen Knaben im Wald organisieren machte viel Freude. Die Redaktion der Scharzeitung „Grüenspächt“ brachte mir das Schreibmaschinenschreiben bei.

Das Ereignis des Jahres aber, war das Sommerlager. Ein halbes Dutzend Achtzehnjährigen leiteten während drei Wochen ein Jugendlager mit 50 Knaben im Alter von 10 bis 15 Jahren. Die volle Verantwortung für das Wohlergehen des Lagers lastete auf den Schultern dieser Burschen. Irgendwo in den Bergen verbrachten wir eine wunderbare Zeit. Einziger Erwachsener war ein Vikar der Pfarrei.
Am letzten Lagertag galt es Abschied nehmen. Ein wenig Wehmut und viele schöne Erinnerungen, von denen die Ehemaligen heute noch schwärmen, nahmen wir mit nach Hause.
Das Erwachsenwerden in Luzern habe ich sehr genossen. Aus dieser Zeit entstand eine Freundschaft von vier Männern. Heute, 60 Jahre später, besteht sie immer noch: echte Freundschaft.

 

1953 Basel

Zum ersten Mal in meinem Leben verdiene ich mein eigenes Geld als Laborant in den Laboratorien der Firma F. Hoffmann – La Roche AG. Eingetaucht in eine neue Welt. Die Welt der Arbeiter, Vorarbeiter, Meister, der Chemiker und Direktoren.
Für einen Franken verkaufte mir ein Gewerkschaftler ein Bändeli zum „Tag der Arbeit“. Vom Studenten zu Arbeiter mutiert, verbrachte ich nach Feierabend viel Zeit in den Wirtschaften Kleinbasels. Diese Freiheit genoss ich, in diesem völlig neuen Biotop, in vollen Zügen. Die neue Freiheit, eigenes Geld, eigener Beruf, absolute Entscheidungsfreiheit bei der Freizeitgestaltung. Für den Moment genoss ich dieses Leben. Für immer war das nichts. Bei Roche hatte ich gelernt: Wenn Du hier etwas werden willst, musst Du eine weissen Labormantel tragen und mit „Herr Doktor“ angesprochen werden.

 

1955 Emmen

Ich beschloss, Chemiker zu werden. Das Geld dazu verdiente ich, indem ich Militärdienst leistete. Roche war eine großzügige Firma. Alle höhere Chefs waren ausnahmslos Offiziere. Fast eine Voraussetzung, um in der Firma Karriere zu machen. Während meines ganzen Militärdienstes blieb ich angestellt und verdiente die Hälfte meines normalen Lohnes. Also los: Rekrutenschule – Unteroffiziersschule – Korporal – Korporalabverdienen.
Im September 1955 war ich wieder im Labor bei Dr. Paul Müller. Im Oktober kündigte ich meine Stelle. Der Personalchef überreichte mir 4482 Franken. Das war der Grundstein für das Studium.

 

1956 Zürich

Eingeschrieben in der Abteilung IV der ETHZ nahm ich das Studium zum Chemieingenieur in Angriff. Zwischendurch leistete ich Militärdienst. Als ich Leutnant war, hatte ich auch das erste und zweite Vordiplom erfolgreich bestanden.
Das Studium lief gut. War man einmal nicht in der Vorlesung, so kopierte ein Kommilitone den Text, indem er ein Kohlepapier in sein Kollegheft legte. Mit einem guten Kugelschreiber wurde so ein guter Durchschlag erzeugt. Fotokopieren kam nicht infrage. Das war damals, 1957, ein fotografischer Prozess, welcher pro A4 Seite circa 20 Minuten in Anspruch nahm.
Ich war sehr auf die durchschreibende Kommilitonen angewiesen. Im fünften und sechsten Semester betrieb ich das Studium nur noch im Nebenamt. Im Hauptamt war ich Redaktor der Studentenzeitung „Zürcher- St. Gallerstudent“.
Ganz wichtig; darüber hinaus war ich Präsident des Polyballs. Der Polyball war damals der wichtigste gesellschaftliche Anlass in der Stadt. Rund 6000 Gäste wurden erwartet. Für jedermann war klar, dass das organisieren von 10 Musikbands, 8 Restaurants, das Dekorieren des gesamten Hauptgebäudes an der Rämistrasse, die Suche nach Sponsoren, das Abhalten von Pressekonferenzen und der Verkehr mit der Feuerpolizei, wenig Zeit fürs Studium übrig liess. Zeitlich hat mein Studium nicht gelitten. Für den Ingenieur brauchte ich 8 Semester, für das Doktorat gleichviel.

 

1966 wieder in Basel

Wieder arbeitete ich bei Roche in Basel und wurde dort mit „Herr Doktor“ angeredet. Eine stattliche Familie war auch schon beisammen. Doris Schultheiß war seit sieben Jahren meine Frau. Zwei Töchter, Christine und Susanna besuchten schon den Kindergarten und eine dritte Dame war unterwegs. Zu dieser Zeit pflegten wir eine echt bürgerliche Ehe. Ich hatte Zeit für Frau und Kind und genoss das gewöhnliche Leben. Mit Doris ins Theater. Mit den Kindern in den Zoo. Einen Bastelraum im Keller.
Alles so ordentlich, so geregelt, so problemlos, so bürgerlich, so langweilig. Doris und ich beschlossen die wunderbare Lebensstelle bei Roche zu kündigen und etwas Spannenderes zu suchen.

 

1969 Glattbrugg

Hier war ich der verantwortliche Leiter der Firma Polymetron. Ganz neue Aufgaben mussten erledigt werden. Einkauf, Lager, Fabrikation, Qualitätssicherung Verkauf und Marketing. Polymetron stellte elektrochemische Messgeräte her. Mit einem Fuß stand ich immer noch in der Chemie, mit dem andern, in das von mir noch völlig unbekannte Gebiet der Betriebswirtschaft.
Eine neue Epoche in meinem Leben hatte begonnen.
Von dem Vielen, was ich am Poly gelernt hatte, konnte ich recht wenig gebrauchen. Ich hatte keine Ahnung von Budgets, Betriebsrechnungen, einem Marketingplan. Im Geschäftsalltag lernt man schnell. Zum ersten Mal in meinem Leben kamen meine wirklichen Talente zum Tragen: Organisation und Menschenführung.

 

1971 Gossau im Zürcher Oberland

Ein eigenes Haus. Doris hatte es ausfindig gemacht. Ich besorgte die Finanzierung. Unser Eigenkapital betrug 12’000 Franken. Das Haus kostete 360’000. Ohne die Unterstützung von Walter Hess, dem Direktionspräsidenten der Muttergesellschaft Zellweger, wären wir nie zu einem Eigenheim gekommen.
Das Familienleben veränderte sich. Inzwischen hatten wir vier Töchter. Doris wurde Lehrerin an der Primarschule Gossau. Ich wurde den Geschäftsmann, der stets auf Achse war. Wir brauchten eine Haushalthilfe, eine Haushälterin. Wir fanden sie in Frau Kälin. Sie sollte während über dreißig Jahre unseren Haushalt schmeissen.

 

1978 Bad Ragaz

Bei Polymetron hatte ich meine Lehre als Betriebswirt absolviert. Was mir noch fehlte, war der direkte Verkehr mit den Banken und mit den Gewerkschaften. Ich suchte einen Job als Direktionspräsidenten einer Firma und fand sie bei Elesta in Ragaz. Jetzt war gar nichts mehr von der Chemie gefragt. Nur noch Schalterbau – ein/aus. Genau so wie Polymetron, schrieb auch die Elesta blutrote Zahlen in der Bilanz. Beide Firmen hatte ich wieder in ruhigeren Gewässern geführt. Es wurde wieder Gewinn erwirtschaftet. Mir haftete der Ruf an, angeschlagene Firmen zu sanieren. Die Headhunter in Zürich wurden auf mich aufmerksam. Egon Zehnder, die Nummer eins auf diesem Gebiet, hatte ein Mandat von Sprecher + Schuh in der Schublade. Man kam auf mich zu. Ich sagte zu.

 

1982 Aarau

Auch diese Firma musste umstrukturiert werden. Dieselbe Routine wie bei Elesta und Polymetron.
An dieser Stelle ist es angebracht, Gedanken zur Ausbildung und Erwerbstätigkeit zu verlieren. In meinem Leben lernte ich, dass es im Grunde gar nicht so wichtig ist, was man lernt oder studiert. Wichtig ist, dass man eine Lehre, ein Studium anpackt und es erfolgreich abschliesst. Den Beweis erbringt, ein Projekt anzupacken und es bis zum Schluss durchzustehen und erfolgreich abschließen zu können. So hatte ich auch verschiedene Berufe in meinem Leben. Laborant – Chemieingenieur – promovierter Chemiker – Betriebswirt – Direktionspräsident – Volkswirt – Präsident von börsenkotierten Unternehmen.
Es kommt immer auf dasselbe hinaus: „Unternehmensführung ist Menschenführung.“ Dabei spielt es keine Rolle in welcher Branche, in welchem Wirtschaftszweig, das Unternehmen sein Geld verdient. Drei Wochen intensiven Studiums des Marktes und der Konkurrenz genügen, um ein neues Geschäft erfolgreich zu führen.

 

2015 wieder Gossau ZH

Heute an meinem 82. Geburtstag bin ich ein zufriedener, ja glücklicher Mensch. Ich kann auf ein reichhaltiges, bewegtes und spannendes Leben zurückblicken. Es freut mich, dass ich immer noch neue Erfahrungen machen kann. Sie reihen sich an die Kette der Erkenntnisse und Erlebnisse meines Lebens und lernen mir Folgendes: In Zukunft brauche ich für alles mehr Zeit. Die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab. Ebenso die physikalische Spannkraft. Kleine gesundheitliche Eigentümlichkeiten stellen sich ein.
Dieser Geburtstag ist ein weiterer Meilenstein auf meinem Lebensweg. Heute ist der der Anfang eines neuen Lebensabschnitts. Ich werde ihn mit mehr Vorsicht und Bedachtsamkeit angehen. Aber nicht mit weniger Neugierde und weniger Schaffensfreude.

Auf geht’s zu neuen Ufern.

 

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Ein Gedanke zu „Mosaiksteinchen“

  1. Lieber Hans Herzliche Gratulation zu Deinem Geburtstag und guten Start in den neuen Lebensabschnittt. Dank diesen Mosaiksteinchen rundet sich mein Bils über Dein fantastisches Leben weiter ab. Herzlichen Dank. Ich freue mich und schätze mich glücklich mit Dir in Freundschaft verbunden zu sein. MIt herzlichem Gruss Jürg

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