Wachstum

Anfangs August meldet die Nestlé-Gruppe im Halbjahresbericht: «Wir haben ein solides organisches Wachstum erzielt…»

Seit dem zweiten Weltkrieg vermelden alle Firmen, die etwas auf sich geben, jedes Jahr ein weiteres Wachstum. Damals herrschte Aufbaustimmung. Europa lag in Trümmern. Das ideale Umfeld für Ausbau und Wachstum. Aber heute, 70 Jahre später, gilt immer noch nichts wie Wachstum, Wachstum, Wachstum. Stets dieselbe Mantra: «Wachstum!» weiter machen. Ein Wahn, ein Wirtschaftswachstumswahn!
Gleichgültig was verkauft wird. Ob Pillen, ob elektrische Schalter, ob Geld oder Uhren. Jede Firma will eine Zunahme. Sowohl Novartis wie ABB, wie die UBS oder Swatch, alle reden jahrein, jahraus von Steigerung. Das kann doch nicht ewig so weitergehen! Jedes Kind weiss es. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Dort wo es Wachstum gibt, gibt es Grenzen. Einmal ist ausgewachsen. Gelten für die Wirtschaft andere Gesetze?
Im Menschen scheint Wachstum ein eingebrannter Instinkt zu sein. Die Entwicklungsgeschichte des Homo sapiens zeigt es auf.
Feuer beherrschen, Rad erfinden, Spinnrad einsetzen, Buchdruck entwickeln, der elektrische Strom beleuchtet die ganze Erdkugel, der Personal-Computer vereinfacht die Schreibarbeit, der erste Mann auf dem Mond….
Eine unglaubliche Mehrung der Kreativität, des Erfindergeistes. Das kann kein anderes Lebewesen. Nur der Homo Sapiens. Was treibt ihn an?
Warum nur ist er stets mit der Weiterentwicklung seiner Kultur beschäftigt?

Die Firmen wollen Geld verdienen, indem sie etwas verkaufen.  Dazu brauchen sie einen Markt. Jemand der etwas kauft. Wenn wir grosszügig denken, könnten wir die Gesamtheit der Weltbevölkerung als einen grossen Markt betrachten. Wenn sich dieser nun stetig vergrössert, er ständig zunimmt, kann das Unternehmen in seinem Windschatten fröhlich mitwachsen.
Der Markt vergrössert sich also. Er steigert sich, angetrieben durch das Wachstum der Bevölkerung.1975 waren es vier Milliarden. Heute sind wir bei deren acht angekommen. Im Jahr 2035 werden es elf Milliarden sein! Damit haben wir die Antwort: Die Bevölkerung wächst. Und mit ihr die Wirtschaft.

Heureka wir haben es!
Doch halt, das ist nur die halbe Miete.

Der Mensch ist nicht nur ein Kunde, sondern er verbraucht auch Ressourcen. Mit seinen Zwecken, seine Hoffnungen und seine Visionen nimmt er sich in der Natur, was er braucht. Er nimmt sich, was im Boden, in der Luft, im Wasser ist und verändert es zu seinem Zweck. Er verbraucht Teile der Natur. Ressourcen wie Wasser, Holz, Rohstoffe, Getreide, Gemüse, Obst, Fleisch. Wenn eine Bevölkerung grösser wird, dann verbraucht sie auch mehr von ihrer Umwelt. Ein Wachstum des Ressourcenverbrauchs.
Bedienen wir uns kurz der Geschichte. Das hilft den Vorgang zu verstehen. Werfen wir einen Blick zurück. Zurück auf die Mayas, die Azteken, die Ägypter, die Kulturen am Nil, am Euphrat und Tigris, am Gelben Fluss in China, auf die griechische Antike oder auf das römische Reich. Das alles waren Hochkulturen vergleichbar mit der unseren heute. Gut entwickelte Staatengebilde mit einer perfekten Verwaltung. Mit dicht besiedelten Städten, mit einer ertragsreichen Landwirtschaft, mit der Beherrschung technischer Prozesse und mit guten sozialen Strukturen. Diese Kulturen hatten ein langes Leben. Alle hatten ungefähr die gleiche Geschichte, sie verlief stets nach ähnlichem Muster. Von der Reife bis zum Untergang. Alle hatten einen Wohlstand erreicht, bei dem sie den Verbrauch der Ressourcen übertrieben. Und sind dann sang- und klanglos verschwunden. Nicht mehr da! Im übertragenen Sinn, sie lebten vom Kapital der Vorräte des Planeten, statt es vernünftig zu bewirtschaften.

Wie lief das damals im Römischen Reich? Wie steuerten die Römer dem Zerfall entgegen? Es entwickelte sich eine grosse Bevölkerung. Diese brauchte viel Holz für den Bau von Häusern, Schiffen, Fahrzeugen und ähnlichem. Der Wald wurde gelichtet und gerodet. Damit entstand Produktionsfläche für den landwirtschaftlichen Anbau. Die Menschen mussten ernährt werden. Auf dieser grossen Fläche, auf der Getreide wuchs, fehlten jetzt die Bäume mit ihren Wurzeln, die das Erdreich zusammenhielten.
Grosse Regenfälle führten zu Erdrutschen. Der fruchtbare Mutterboden ging verloren. Auf dem zurück gelassen Rest gedeiht nur noch karge Kost. Kein Getreide, kein Obst, kein Gemüse mehr. Das einzige, was da noch wächst, ernährt höchstens wilde streuende Ziegen. Die ernähren sich mit dem, was noch da ist. Sie haben keine natürlichen Feinde und vermehren sich ungestüm. Nur noch wilde Ziegen. Das Markenzeichen einer untergehenden Zivilisation.
Das können wir heute am Mittelmeer überall beobachten. Zur Zeit der Blüte des Römischen Reiches war das Mare Nostrum dicht bewaldet. Es herrschte ein Klima, in dem sich leben liess. Heute findet man vereinzelt nur noch ein paar Olivenhaine. Im Wesentlichen ist der Mittelmeerraum öd und karg. Eine landwirtschaftliche Diaspora. Eine im Sommer kaum auszuhaltende Hitze und wenig Wasser.

Was wir heute noch von den Damaligen sehen können, sind ein paar Pyramiden am Nil oder in Mexiko, die Überreste des Forums Romanum in Rom. Das sind die Skelette des menschlichen Fortschritts, eines untergegangenen Kulturkreises. Der Untergang Roms sollte uns eine Warnung sein.

Damit wäre die Frage beantwortet:
Es gibt ein Ende des Wachstums.

Nächste Frage: Wie viele von uns verträgt die Erde? Wir werden mehr und mehr. Die Ansprüche steigen. Die Ressourcen trocknen aus.
Ein Experte erklärte mir das letzthin wie folgt: «Wenn wir wie die Indianer im brasilianischen Urwald leben würden, hätte es Platz für 25 bis 30 Milliarden. Würden alle Menschen leben, wie wir es bei uns tun, wären die letzten Karten bei 2 Milliarden ausverkauft. Würden sich alle auf ein gesundes Mittelmass beschränken, reichte es für 6 Milliarden. Für die Prognose für das Jahr 2035 (11 Mia) gibt es keine Berechnungen. Das würde der blaue Planet wohl nicht auf die Dauer aushalten.» Es wird eng auf der Erde!
Auf den Punkt gebracht: wir sind Gefangene vom Wachstum unseres Komforts. Mehr Mensch→mehr Wirtschaft→steigende Ressourcenvernichtung→weniger Ressourcen für mehr Menschen.

Das Jahr 2020 hat uns gelehrt, wie verletzlich auch unsere heutige Hochkultur ist. Am Neujahrstag hätte kein Mensch geglaubt, dass drei Monate später die gesamte Volkswirtschaft der entwickelten Welt zusammenbrechen würde.

Haben wir etwa auch übertrieben?

Wenn wir heute von einer globalisierten Ökonomie sprechen, die sich vergrössern soll und mehr Marktanteile und Marktteilnehmer braucht, wird diese mit der Endlichkeit der Ressource der Erde konfrontiert. Es ist das Wachstumsdilemma, in dem wir stecken.

Wird gerade die schwarz-weiss karierte Fahne geschwungen? Last lap? Nur noch eine Runde und wäre dann das Rennen mit dem Wachstum aus? Noch sind keine Ziegen in Sicht.

 

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Anhang

Im Buch von Harald Lesch habe ich eine Kolumne gefunden, die ich den Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten möchte. Sie hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Die Erde ohne Menschen
Ein Gedankenexperiment

Was, wenn die Erde von einem Tag auf den anderen tatsächlich ohne Menschen wäre? Ein Gedankenspiel, das nicht nur zeigt, wie extrem der Mensch den Planeten in den letzten 10’000 Jahren verändert hat, sondern auch, wie widerstandsfähig die Natur ist, als deren Teil sich der Mensch ja offensichtlich nicht mehr begreift, weil er sonst mit eben dieser Natur doch anders umgehen würde.
Keine Umweltkatastrophe, keine atomare Apokalypse, keinen Meteoriteneinschlag, nein, ganz einfach 8 Milliarden Menschen lassen von einem Tag auf den anderen ihren Planeten zurück. Das Wie und Warum soll hier nicht interessieren.
Die Sonne geht auf, es ist Montag, der erste Tag der Erde ohne Menschen. Die Atmosphäre ist immer noch mit Milliarden von Tonnen CO2 und Stickoxiden angereichert, viele Wälder sind gerodet, der Tagbau hat grosse Wunden in die Erdoberfläche gerissen, in den Ozeanen schwimmen Plastikinseln, die gross wie Kontinente sind, aber die Metropolen der Erde sind menschenleer und still. Kein Lärm von Autos und Flugzeugen, keine Stimmen. Bürotürme, Häuser, Geschäfte, Supermärkte, Autos, U-Bahnen, Strassen und Flugzeuge sind verwaist und verlassen. Herrenlose Hunde, eine halbe Milliarde weltweit, und etwa genauso viele Katzen streunen auf der Suche nach Futter durch Strassen, Wälder und Felder.
In den nächsten Stunden und Tagen fallen die meisten Kraftwerke aus, es gibt keinen Strom mehr, die letzten Lichter erlöschen. Ampeln, Pumpen, Kläranlagen, Wasserwerke geben ihren Geist auf. Die komplexe Maschinerie, die unsere Zivilisation aufrechterhalten hat, kommt zum Stillstand.
Die Tiere in den Zoos der Welt sind sich selbst überlassen, genauso wie die 1,5 Milliarden Kühe, die 1 Milliarde Schweine und 20 Milliarden Hühner in den industrialisierten Fleischmanufakturen der Erde. Die meisten von ihnen werden verhungern oder von Wölfen, Kojoten, Bären und anderen Raubtieren gefressen werden. Andere Tiere, die von Menschen abhängig waren, Ratten und Kakerlaken, werden bald unter drastischem Nahrungsmangel leiden, ganz aussterben werden die Kopfläuse.
Die Strassen in vielen Städten der Welt werden ebenso wie U-Bahn-Tunnels von Wassermassen geflutet, weil das Grundwasser nicht mehr abgepumpt wird. Andere Strassen werden von Gräsern, Sträuchern und später Bäumen zurückerobert.
Viele Städte werden jedoch abbrennen, bevor sie vom Grün der Natur überwuchert werden, weil bei einem Feuer, das durch einen einfachen Blitzschlag entfacht wird, keine Feuerwehr mehr ausrücken wird, um es zu löschen.
Holzbauten, die nicht dem Feuer zum Opfer fallen, werden durch Termiten und andere Insekten zerstört werden. Nach 100 Jahren sind sie alle verschwunden. Genauso wird es den Eisen- und Stahlkonstruktionen ergehen, von der Pfanne auf dem Herd über das Auto bis zu Brücken, Hochspannungsmasten, Laternen, Hochhäusern, Windrädern und selbst dem Eiffelturm. Ohne Farbanstriche und Rostschutzmittel sind sie dem aggressiven Sauerstoff in der Atmosphäre ausgesetzt. Sie oxidieren und kollabieren.
Die Tier- und Pflanzenwelt hat in der Zwischenzeit mit der Rückeroberung der Menschenräume begonnen. Selbst die Tatsache, dass es bei einigen Kernreaktoren, bedingt durch Stromausfall und damit fehlender Kühlung, zu Kernschmelzen und radioaktivem Fallout gekommen ist, hat sie nicht aufhalten können, das zeigen die Sperrzonen um den Reaktor von Tschernobyl schon heute.
Die Natur strebt ihrem natürlichen Zustand entgegen. Strassen, Bahnlinien, Städte, Abraumhalden und die Ökowüsten aus Plantagenwirtschaft und Ackerbau, alles wird von Pflanzen, Wäldern und Tieren wieder in Besitz genommen.
Am Längsten werden die Ozeane und die Atmosphäre brauchen, um sich vollständig zu renaturieren.

Nach 10’000 Jahren aber werden die meisten Spuren der menschlichen Existenz verwischt sein. Würden fremde Raumfahrer 100’000 Jahre nach dem Exitus des Homo sapiens die Erde besuchen, fänden sie vielleicht mit Ausnahme der Pyramiden kaum einen Hinweis auf ehemalige Zivilisationen.
Wenn die Ausserirdischen aber die Sedimentschichten genauer untersuchen, werden sie feststellen, dass es vor 100’000 Jahren auf diesem Planeten ein Massensterben der Tier- und Pflanzenarten gegeben hat. Und dass hier für wenige Jahrtausende eine Art gelebt haben muss, die ihre Toten bestattet hat und die offensichtlich Kunststoffe als bevorzugtes Kulturgut genutzt hat.

Quelle:
Harald Lesch
Klaus Kamphausen
Die Menschheit schafft sich ab.
Die Erde im Griff des Anthropozän
Knaur-Taschenbuch März 2018
ISBN 978-3-42678940-7
7654

 

 

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