Ferdinand, Freiherr von Werra – Kapitel 6

Die beiden Brüder sassen wie immer nach dem Unterricht auf der Steinmauer beim Turm. Lange schwiegen sie vor sich hin. Es war Ferdinand, der das Gespräch aufnahm.

«Alex, du bist der Glückspilz. Für dich ist die Plackerei beim Pfarrer zu Ende. Ich gratuliere zur bestandenen Aufnahme ins Kollegium in Brig. Gratulamur!»

«Danke, Brüderchen, ich bin froh, dass sie mich im Gymnasium haben wol- len.» «Wann gehst du nach Brig, und wie lange wirst du dort studieren müssen?»

«Das Semester beginnt Mitte September. Bis es so weit ist, muss ich mich vor- bereiten. Was muss ich nach Brig mitnehmen und was lasse ich hier? Am meisten freut mich, dass die Vokabeln-Büffelei eine Pause hat.»

«Ich beneide dich. Ehrlich! Ich muss noch zwei Jahren weiterochsen. Erzähle mir mal, wie dich die Jesuiten geprüft haben.»

«Das Kollegium in Brig ist eine Welt für sich. Die Patres unterhalten sich unter sich auf Lateinisch. Kaum zu glauben, dass man die komplizierte Sprache im Alltag benutzen kann. In der ersten Klasse, in der Prima, werden wir sechs Schüler, ich meine, sechs Studenten sein. Der Unterricht findet in Schulzim mern statt. Gegessen wird im Speisesaal. Alle Studis sind in schwarze Sutanen gekleidet. Geschlafen wird in einem grossen Schlafsaal. Es hat deren drei. Einer für die Kleinen, die Primaner, einer für die Tertianer und einer für die Matu randen. Im Ganzen wohnen 38 Studenten im Kollegium.

Ich wurde vor allem in Latein geprüft. Zuerst musste ich einen Teil aus ‹de Bello Galico› von Julius Cäsar auf Deutsch übersetzen. Da hatte ich Glück. Ich kannte die Passage aus unserem Unterricht. So konnten die Professoren auch feststellen, dass ich schreiben und lesen kann. Mündlich wurde ich über die Grammatik ausgequetscht. Am Schluss kamen das Rechnen und die biblische Geschichte dran. Die Prüfungen dauerten alles in allem vier Tage.»

«Wie hast du dich gefühlt so unter lauter Professoren und Studenten?»

«Es hat mir sehr gefallen. Alles war neu. Die vielen Studenten, der peinlich geordnete Tagesablauf. Geweckt werden – Morgentoilette – Kirchgang – Frühstück – Prüfungen – Mittagessen – eine Stunde frei – weiter mit Prüfungen– eine Pause – wieder in die Kirche – Abendessen – Nachtgebet – Stillschwei- gen – schlafen, bis es am nächsten Tag im genau gleichen Trott weitergeht.»

«Also kein Holzspalten mehr. Kein Gemüsegartenjäten mehr. Keine Stallarbeit mehr. Nur noch geistige Arbeit. Wenig freie Zeit. Ein Leben wie im Kloster.»

«Das wird sich zeigen. Dort gilt eben ‹ora et labora›.»

«Alex, du wirst uns fehlen.»

«In den Oster- und Sommerferien komme ich immer zurück nach Salgesch. Dann werden wir wieder zusammen sein. So wie jetzt. Ich kann dir dann alles erzählen, was man in einem Kollegium so treibt. Für dich ist das ein Vorteil. Ich werde dich lehren, was du wirklich wissen musst, um die Aufnahmeprüfung zu bestehen.»

«Die nächsten zwei Jahre wird mehr Arbeit im Haushalt anfallen. Ich frage mich, wie ich das wohl meistern werde.»

«Das wird sich alles schon geben.»

«Meine besten Wünsche begleiten dich nach Brig.»

«Nun werde mir nicht sentimental. Hier und heute hat sich nichts geändert. Auf gehts. Holzspalten, Pferd pflegen.»

Die Sonne versteckte sich schon hinter den Bergen. Sie standen auf und be- gaben sich zum Hof.

«Alles wird sich ändern», dachte Ferdi und führte Lisa aus dem Stall.

 

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Ein Gedanke zu „Ferdinand, Freiherr von Werra – Kapitel 6“

  1. Mon cher ami
    Ich bin immer wieder geblendet über Deine Nachrichten und vor allem Deinen toller Schreibstyl der mich natürlich an meinen Vater und Bruder (Mars) erinnert. Auch sie beherrschten die deutsche Sprache, un grand MERCI, Merkur.
    Mein Wunsch nicht mehr auf der der Jungwachtliste zu figurieren (gesundheitliche Probleme) wurde von Bär ohne jeglichen Kommentar verarbeitet!
    Ich habe noch Kontakt mit meinem besten Freund Seppi Stadelmann-
    Oui c’est la vie.

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