Spick

Vor ungefähr einem Monat erschien ein Artikel in meiner Tageszeitung, in dem sehr hochtrabend vom Spick in der Schule die Rede war. Der Titel genügte, mich in die Zeit, als bei mir der Spick eine wichtige Rolle spielte, in die Kantonsschule in Luzern, zurückzusetzen. In der Kanti hausten das Gymnasium und die technische Abteilung unter einem Dach. An der Kanti gab es keine Lehrer, nur Professoren. Sogar der Turnlehrer wurde mit «Herr Professor» angeredet. Nebenbei bemerkt, es gab nur Professoren, keine Professorinnen. Wir Lernenden waren Studenten an der Kantonsschule. Im Volksmund: Kantischüler. Für die galt es, in diesem Bildungsbiotop zu überleben. Das war das Ziel aller Studis. Überleben! Die Matura musste bestanden werden.
Die Munition der Professoren waren die Noten. Sie wurden für die Bewertung der Klausuren verschossen. Im Lager der Studis mussten möglichst viele genügende Noten gesammelt werden. Was heisst, man musste den Stoff beherrschen. Das lief auf ein Auswendiglernen hinaus. Wer ein gutes Gedächtnis hatte, war hier im Vorteil. Der Durchschnitt, weit mehr als die Hälfte der Schüler, hatten hier ein Defizit. Sie brauchten Hilfsmittel, um auf den geforderten Notendurchschnitt des Semesters zu kommen. Ich gehörte zur untersten Gruppe dieser Hilfesuchenden.

Wie im Mathematikunterricht gelernt, begann ich die Lage zu analysieren und unser Biotop in Grundsätze, Axiome, zu gliedern.

  1. Axiom:
    Jeder Prof hat besondere Lieblingsthemen.
  2. Axiom:
    Die Korrektur der Klausurprüfungen muss für den Prof ein Minimum von Zeit in Anspruch nehmen.
  3. Axiom:
    Ohne Solidarität der Kantischüler während den Prüfungen geht es nicht. Abschreiben muss stets möglich sein.
  4. Axiom:
    Ohne Spick geht es auch nicht. Nur mit diesem Hilfsmittel besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, mit einem «genügend» davon zu kommen.

Es hatte sich in der Klasse herumgesprochen, dass ich dank meiner Systematik in der Lage war, zu den Prüfungsthemen die wahrscheinlichsten Prüfungsfragen vorauszusagen. Drei Tage vor der Klausur war meine Meinung gefragt. Bereitwillig gab ich meine Gedanken preis. Die Treffsicherheit lag bei 68%.
Für die Korrektur und die Notengebung hatten es die Profs der naturwissenschaftlichen Fächer am einfachsten. Allen voran die Mathe-Lehrer. Es gab nur eine richtige Lösung. Eine Zahl oder eine Gleichung. Die Profs der geisteswissenschaftlichen Fächer waren hier im Nachteil. Sie brauchten wesentlich mehr Zeit, die Arbeiten zu korrigieren.

Die ganze technische Abteilung der Kanti – das war das Sammelbecken jener, die zu dumm waren, um die Grammatik und die Vokabeln von Griechisch und Latein zu verstehen und zu memorieren – setzte sich aus Knaben zusammen. Mit einer Ausnahme – Irene hiess die Dame – sie besuchte unsere Klasse. Sie war ein natürliches, selbstsicheres und kameradschaftliches Wesen. Sie hatte begriffen, wie sich in einer Gruppe von halbwüchsigen Buben studieren liess. Alle Leser, die jetzt denken, es wurde geschäkert und geflirtet, liegen falsch. Sie war eine von uns. Sie spielte ausgezeichnet Fussball. Sie fuhr Velo wie Hugo Koblet. Sie erzählte geistreiche und anständige Witze. Sie hatte uns alle im Griff. Und ihre Methode zu spicken war unschlagbar. Sie nützte ihr weibliches Geschlecht redlich aus. Es fiel auf, dass immer, wenn Klausuren angesagt waren, sie im Rock und in Seidenstrümpfen daherkam. Zuoberst auf den Oberschenkeln hatte sie ihre mit Schreibmaschine geschriebenen Spicks fixiert. Terra incognita!
Es ist an der Zeit, in das Wesen des Spicks einzutauchen.

  1. Spicks können nur eine beschränkte Anzahl von Informationen aufnehmen. Müssen sie doch per definitionem klein sein.
  2. Spicks müssen für die Profs unsichtbar sein.
  3. Auf jedem Spick liegt ein Fluch. Sobald er geboren und aufgeschrieben ist, hat man sich so intensiv mit dem Stoff auseinandergesetzt, dass man ihn nicht mehr braucht.

Die Auseinandersetzung mit der Herstellung von Spicks ist ein hervorragender Lernvorgang. Es gibt Ausnahmen.
Die mathematische Formel zur Umwandlung eines regelmässigen Neunecks in ein Achtzehneck muss hier etwas genauer betrachtet werden. Die Ableitung füllt die Hälfte einer A4-Seite. Die Formel besteht aus Zahlen, Buchstaben, Plus- und Minuszeichen, runden und eckigen Klammern, Potenzen und Wurzeln, insgesamt 19 Therme. Auswendiglernen nur für Genies.
Unser Mathe-Prof liebte die frische Luft. Während des Unterrichts mussten alle Viertelstunde die Klassenzimmerfenster für fünf Minuten geöffnet werden, um Sauerstoff hineinzulassen. Auch bei Prüfungen galt diese Vorschrift. Verantwortlich für die Durchführung war der Fensterchef, jener Schüler, der am nächsten beim Fenster seinen Platz hatte.

Zurück zur Umwandlung von regelmässigen Polygonen. In der Pause hatte ich die Riesenformel mit Schulkreide auf die Aussenfensterbank aus Sandstein des Fensters geschrieben. Bei Klausuren war ich immer der Fensterchef. Den Rest können Sie sich ausdenken. Dreimal während der Prüfung konnte ich die vermaledeite Zahlenfolge überprüfen. In der nächsten Pause genügte ein nasser Schwamm, um den Spick zum Verschwinden zu bringen.
Bei Übersetzungsklausuren oder Stundenaufsätzen hatte der Spick nichts zu suchen. Alle Professoren mussten ihre Schüler am Ende des Semesters benoten.
Der Geschichtslehrer löste das Problem auf seine Weise. Er liess gar keine Klausuren schreiben. Im Monatsrhythmus wurde die Geschichtsstunde zum Kolloquium. Er begann zum Beispiel mit der Frage „Warum kam es zum Siebenjährigen Krieg?“. Es entfachte sich sofort eine heftige Diskussion. Jeder meldete sich zu Wort. Der Prof war ein hervorragender Gesprächsführer. In diesen Stunden lernten wir am meisten Geschichte. Und der Prof konnte seine Studis beurteilen.

In der Physik lernten wir «Druck erzeugt Gegendruck». Das gilt auch in der Notenfuxerei.

Es wird nur dort gespickt, wo es sich lohnt zu tricksen.
Jeder gute Prof konnte Prüfungen schreiben lassen, wo Verstehen und Denken getestet wurde. So gesehen ist der Spick nichts anderes als die Antwort der Studis auf schlechte Klausurfragen von arbeitsscheuen Lehrern. Je besser der Lehrer, umso weniger wird gespickt.
Bei guten Lehrkräften, die mit Prüfungsfragen Nachdenken und Verständnis und nicht die Speicherkapazität des Gedächtnisses des Schülers herausfordern, hat Spicken verloren.

So gesehen ist Spicken ein Teil der Schulkultur.

 

Aufrufe: 121

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.