Endläuten

Ein stahlblauer Himmel. Strahlende Sonne. Sommerferien in Leuk! In der Bäckerei Bumann herrschte reger Betrieb. Auf dem Treppenaufgang vor dem Laden sitze ich und schnitze an einem Stück Ast eines Kirschbaums. Es soll eine Panpfeife werden. Onkel Hans hatte mir gezeigt, wie man das mit dem eigenen Taschenmesser macht.
Unten am Hauptplatz, beim Café Billard, trottete Heisi Seewer die Varengasse hinan. Die Turmuhr (jene, die auf dem Foto auf meinem monatlichen Blog zu sehen ist) schlug eben elf Uhr. Der Stundenschlag, langsam und genau hallt durch die ganze Burgschaft. Vom Rhonetal bis zur Gemmi, von der Dala bis in den Lichten, alle hören es, es schlägt elf. Erst die vier hellen Schläge für die runde Stunde, dann elf lautere, dunkle. Von Viertelstunde zu Viertelstunde hangelt uns die Stadtuhr durch die Arbeitswelt. Nur am Sonntag tragen die reichen Leute eine Taschenuhr oder eine Armbanduhr. Es sind Schmuckstücke, die zur Sonntagstracht gehören. Am Sonntag ist die Zeit nicht so wichtig wie am Werktag. Nur sonntags trägt man die Zeit auf sich. Am Sonntag haben die Glocken im Turm eine andere Aufgabe. Sie rufen die Gläubigen in die Kirche.
Unbemerkt steht Heisi Seewer neben mir und spricht laut auf mich ein. Ich verstehe kein Wort. Nicht weil ich dem Leuker-Walliser-Dialekt nicht mächtig bin. Den spreche ich inzwischen akzentfrei. Auch nicht, weil Heisi eine Sprache spricht, die mir fremd ist. Heisi hat einen groben Sprachfehler. Er lallt. Von Geburt an hat er sich nicht wie Normale entwickelt. Heute ist er Hilfsarbeiter, Aushilfsarbeiter in der Stadt. Er trägt den stinkenden Stallmist zur Düngung in die Reben. Er hilft im Baumgarten die Äste einzusammeln, wenn die Bäume geschnitten werden. Er hilft dem Sigrist, wenn Not am Mann ist. Das ist heute der Fall. Cousine Josephine, schwer mit Backwaren beladen aus der Bäckerei kommend, gibt mir die Botschaft weiter. Sie versteht offenbar Heisis Privatsprache. Peter Zwahlen sei gestorben. Man brauche Hilfe beim Endläuten. Ich solle mit Heisi in den Kirchenturm.

Immer, wenn in Leuk jemand stirbt, wird das zu Mittag Läuten von fünf Minuten auf eine Viertelstunde verlängert, das Endläuten. Bis zum Mittagessen wissen alle, heute ist jemand gestorben. Heisi und ich brechen auf zum Turm. Als die Türe zum Turm zuschlug, befanden wir uns in einem geheimnisvollen Verlies. Diese Umgebung war mir wohlbekannt. Wir Halbwüchsigen besuchten ab und zu verbotenerweise den Kirchenturm, um dort herum zu klettern und die schlafenden Fledermäuse zu beobachten. Ein paar Mal war ich auch schon dabei, wenn wie heute das grosse Geläut zu erschallen hatte. In diesen Räumen kannte ich mich aus. Die begonnene Panflöte legte ich in eine Nische. Zum ersten Boden führte eine, halb vom Holzwurm zerfressene, wackelige Holztreppe. Dort hingen zwei Seile. Die eine für die Feuerglocke. Ein kleines helltönendes Glöcklein, welches nicht zum Geläut gehörte. Sie ist da, um bei einer Feuerbrunst die Männer der Feuerwehr zusammen zu rufen und die Bevölkerung zu alarmieren.
Der andere, stärkere Strick bedient die Alltagsglocke. Sie war der Heiligen Agatha geweiht und diente dazu, die Gläubigen zur Messe zu rufen. Sie wird täglich vom Sigrist bedient. Zur nächsten Etage ging es mit einer nicht weniger baufälligen, nachlässig unterhaltenen Holzleiter. Oben trafen Heisi und ich auf den Sigrist und auf Marius Wyder, einen bärenstarken, vom ganzen Schulhof gefürchteten, jähzornigen und streitsüchtigen Kameraden. «Sprenzel suchen!», kommandierte er. Wir stiegen eine weitere, wacklige Leiter hinauf zu den drei grossen Glocken. Einen Sprenzel fand ich unter der Grössten der drei liegen. Ohne den Kopf anzuschlagen, konnte ich bequem aufrecht in der grossen Kirchenglocke stehen. Auf ihr konnte ich einen Sinnspruch lesen: „Ich lobe den wahren Gott, rufe das Volk, versammle den Klerus, beweine die Toten, verscheuche die Pest, verschönere die Feste.»
Marius, der Lümmel, benahm sich, wie wenn der Glockenstuhl ihm gehören würde und kommandierte mich herum. «Drücke den Klöppel der grossen Glocke bis eine Handbreit zur Glockenwand. Ich setze den Sprenzel. So. Loslassen». Der Sprenzel ist nichts anderes als ein solider Stecken, der zwischen Klöppel und Wand eingeklemmt wird. So kann die Glocke pendeln ohne, dass sie einen Ton von sich gibt. Erst wenn sie richtig Schwung aufgenommen hat, fliegt der Sprenzel heraus und sie erklingt in vollem Klang. «Ohne zu stottern», wie es der Sigrist nennt. Jedes Teil des Geläuts hat seinen eigenen, auf Mass zugeschnittenen Sprenzel. Es gilt nun die Stecken, die beim Verlassen der Klöppel irgendwo hinfliegen, wieder zu finden. Das machte heute Mühe. Für die zweite, die dem Heiligen Stephan geweihte, war der Sprenzel verschwunden. Nicht aufzufinden. Nur die drei Grössten im Turm benötigen einen Sprenzel. Zwei waren schon gesetzt, als ich, eingeklemmt im Glockenfenster, den Dritten fand. Sehr zum Verdruss von Marius. Wäre die Rettung aus der unbequemen Lage doch eigentlich ihm zugestanden, wie er fand.
Die drei Gesprenzelten wurden tonlos in Schwingung gebracht. Dazu brauchte es neben der nötigen Kraft viel Fingerspitzengefühl. Die Glocken mussten gut pendeln, ohne zu läuten. Auf Befehl des Sigrist löste ein besonders kräftiger Seilzug das Läuten aus. Das geschah so auch heute. Wie wild zogen wir an den Seilen. Das volle Geläute dröhnte in unsere Ohren. Der Turm zitterte ganz leise. Man verstand kein Wort. Befehle wurden durch Handzeichen gegeben. Wir empfanden den uns umarmenden Lärm als die schönste Musik.

In der Stadt ging das Leben weiter. Aufgebahrt im offenen Sarg lag der Leichnam im Beinhaus. Während dreier Abende nahmen die Burger Abschied von ihrem Freund. Ein Rosenkranz wurde gebetet, Weihwasser wurde gespendet. Am vierten Morgen das Requiem und die Bestattung auf dem Friedhof. Ein letztes Mal Weihwasser. Die Turmuhr schlug elf. Die Trauergemeinde löste sich auf. Jeder ging seinen Arbeiten nach. Die Jahrgänger tranken noch ein Ballon Fendant im Café de la Poste. Ich schnitzte an meiner Flöte weiter. Das Leben im Alltag ging wieder seinen gewohnten Gang.
Wir hatten damals ein sehr natürliches Verhältnis zu Leben und Tod. Jeder wusste, einmal kommt der Sensenmann. Ein willkommener Gast ist er nicht, aber er gehört dazu.

Und heute, fünfundsiebzig Jahre später?
Höchste Effizienz:

Exitus, Kremierung, ein Pfund Asche, Abdankung im engsten Familienkreis.

 

 

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Glas final

Un ciel bleu acier. Plein soleil. Vacances d’été à Loèche! La boulangerie Bumann était en pleine effervescence. Je suis assis sur l’escalier devant la boutique et sculpte dans un tronçon de branche de cerisier, censé devenir une flûte de Pan. L’oncle Hans m’avait instruit comment faire avec mon propre couteau de poche.
En bas, sur la place principale, près du Café Billard, Heisi Seewer trottait vers la Varengasse. L’horloge de la tour (celle qui figure sur la photo de mon blog mensuel) venait de sonner onze heures. Le carillon de l’heure, lent et précis, résonnait dans tout le bourg. De la vallée du Rhône à la Gemmi, de la Dala au Lichten, tout le monde l’entend, il est bien onze heures. D’abord les quatre coups clairs pour l’heure ronde, puis onze coups plus forts et plus sombres. De quart d’heure en quart d’heure, l’horloge du bourg nous accompagne dans le monde du travail. Ce n’est que le dimanche que les personnes riches portent une montre de poche ou une montre-bracelet. Ce sont des bijoux qui font partie du costume du dimanche. Le temps n’est pas aussi important le dimanche qu’il ne l’est les jours ouvrables. Ce n’est que le dimanche que les gens portent l’heure sur eux. Le dimanche, les cloches de la tour ont une tâche différente. Elles rassemblent les fidèles à l’église.

Subrepticement, Heisi Seewer se tient tout à coup à côté de moi et me parle à voix haute. Mais je n’en comprends pas un traitre mot. Non pas que je ne parlerai pas le dialecte valaisan de Loèche. Je le parle sans accent maintenant. Ni parce que Heisi parlerait une langue qui me serait étrangère. Non, Heisi a un gros défaut d’élocution. Il balbutie. Depuis sa naissance, il ne s’est pas développé normalement. Aujourd’hui, il est tâcheron, manoeuvre dans le bourg. Il transporte le fumier nauséabond jusqu’aux vignes pour les fertiliser. Il aide à ramasser les branches dans le verger, lorsque les arbres sont taillés. Il aide le sacristain quand il se présente un besoin. Dont c’est le cas aujourd’hui. Cousine Joséphine, lourdement chargée de viennoiseries et pâtisseries provenant de la boulangerie, me transmet le message. Elle comprend manifestement le langage secret de Heisi. Peter Zwahlen est décédé. Ils ont besoin d’aide pour sonner le glas. Je devrais grimper avec Heisi dans le clocher de l’église.
Chaque fois que quelqu’un meurt à Loèche, le tocsin de midi est prolongé de cinq minutes à un quart d’heure, le tocsin final. Jusqu’à l’heure du déjeuner, tout le monde sait que quelqu’un est mort aujourd’hui. Heisi et moi sommes donc partis pour le clocher. Lorsque la porte de la tour s’est refermée, nous nous sommes retrouvés dans une mystérieuse oubliette. Cet endroit m’était bien connu. Nous, les adolescents, nous nous rendions de temps en temps dans le clocher de l’église, bien qu’interdit, pour y grimper et y observer les chauves-souris endormies. Quelques fois, j’étais également là quand la grande cloche a carillonné, comme aujourd’hui. Dans cet endroit, j’y avais mes repères. Je mis la flûte de pan que j’avais commencée, dans une niche. Un escalier en bois branlant, à moitié rongé par les vers à bois, menait dangereusement au premier étage. Deux cordes y étaient suspendues. L’une pour la cloche d’incendie. Une petite cloche au son brillant, qui ne faisait pas partie du tocsin. Elle permettait de rassembler les hommes du corps des pompiers en cas d’incendie et d’alerter la population.
L’autre corde, plus grosse, est celle de la cloche quotidienne. Elle est dédiée à Sainte Agathe et sert à appeler les fidèles à la messe. Elle est maniée quotidiennement par le sacristain. Pour atteindre l’étage suivant, nous devions emprunter une échelle en bois pas moins délabrée et imprudemment mal entretenue. Arrivés au sommet, Heisi et moi avons rencontré le sacristain et Marius Wyder, un camarade bouleux, irascible, querelleur, craint de toute la cour de l’école. “Chercher le Sprenzel!” ordonna-t-il. Nous avons donc grimpé une autre échelle branlante jusqu’aux trois grandes cloches. J’y ai trouvé un Sprenzel situé sous la plus grande des trois. Sans me cogner la tête, j’ai pu me tenir debout confortablement à l’intérieur de la grande cloche de l’église. Je pus y lire cette devise : “Je loue le vrai Dieu, appelle le peuple, rassemble le clergé, pleure les morts, chasse la peste, embellis les fêtes.”
Marius, ce rustre, se comportait comme s’il était propriétaire du beffroi et me menait à la baguette. “Pousse le battant de la grande cloche jusqu’à une distance d’une main de la robe de la cloche. Je vais y mettre le Sprenzel. Voilà. Lâche prise.” Le Sprenzel n’est rien d’autre qu’un solide bâton que l’on coince entre le battant et la robe de la cloche. Cela permet à la cloche de prendre de l’élan sans émettre un son. Ce n’est que lorsqu’elle a pris une réelle impulsion que le Sprenzel s’envole et qu’alors sonne la cloche à plein volume. “Sans bégaiement”, comme le dit le sacristain. Chaque cloche possède son Sprenzel propre, façonné sur mesure. La tâche consiste maintenant à récupérer ces bâtons qui s’envolent n’importe où lorsque les battants sont libérés. Aujourd’hui, cela nous posa un problème. Pour la seconde cloche, celle dédiée à Saint Etienne, le Sprenzel avait disparu. Impossible à retrouver. Seules les trois plus grandes cloches de la tour ont besoin d’un Sprenzel. Deux d’entre eux étaient déjà montés quand, calé dans la fenêtre du clocher, j’y ai retrouvé le troisième. Au grand dam de Marius, qui considérait que le mérite du sauvetage de cette situation inconfortable devait incontestablement lui revenir.
Les trois ainsi „sprenzelées“ sont mises en oscillation sans bruit. Cela demandait non seulement de la force, mais aussi beaucoup de doigté. Les cloches devaient se balancer bien vigoureusement sans tinter. Sur ordre du sacristain, une traction puissante de corde déclenchait la sonnerie. Cela se passa de la même façon aujourd’hui. Comme des fous, nous avons tiré sur ces cordes. La pleine sonnerie a beuglé dans nos oreilles. La tour tremblait légèrement. On ne comprenait plus un mot. Les ordres étaient donnés par des gestes de la main. Nous trouvions que le boucan qui nous assourdissait était la plus belle des musiques.

En ville, la vie continuait. Exposé dans un cercueil ouvert, le corps reposait dans l’ossuaire. Pendant trois soirs consécutifs, les habitants du bourg purent prendre congé de leur ami. Un chapelet fut égrené. De l’eau bénite fut aspergée. Le quatrième matin, requiem et inhumation au cimetière. Une dernière aspersion d’eau bénite. La tour de l’horloge a sonné onze heures. Les personnes en deuil se sont dispersées. Chacun allait vaquer à ses occupations. Les contemporains ont bu un ballon de Fendant au Café de la Poste. J’ai repris la sculpture de ma flûte de pan. La vie quotidienne a continué, comme d’habitude.
À l’époque, nous avions une relation très naturelle avec la vie et la mort. Tout le monde savait que la grande faucheuse viendrait un jour. Elle n’est certes pas la bienvenue, mais elle en fait partie.

Et aujourd’hui, soixante-quinze ans plus tard?
Efficacité maximale :

Exitus, crémation, une livre de cendres,
funérailles dans le cercle familial le plus intime.

 

 

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